Prolog | Die beste aller Welten

#dbaw

 

…eigentlich dürfte es die Welt nicht geben,

weil Materie und Antimaterie damals beim Urknall vor 13700 Millionen Jahren sich hätten gegenseitig vollständig auflösen müssen. Dem war aber nicht so. Dessen ist sich Dr. rer. nat. Landua, Fachmann für Antimaterie im Cern 2009 in einem Gespräch mit der ZEIT sicher. Ein winziger Bruchteil der entstandenen Materie blieb bei der Mutter aller Explosionen ungelöscht, blieb übrig. Die Symmetrie war nicht vollkommen. Jemand hat gepfuscht, sagt der Fachmann.

13393 Millionen Jahre nach der nicht aufgegangenen Gleichung ist aus dem Rest Materie die besten aller möglichen Welten geworden. Zumindest wenn es nach dem Universalgelehrten und Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) geht – die beste aller von Gott erschaffenen Welten. Denn Gott wäre nicht Gott, hätte er als Allmächtiger und Allwissender mit dieser, unseren Welt nicht gleich beim ersten Wurf die allerbestmögliche Welt erschaffen. So, oder so ähnlich führt es Leibniz in seiner Theodizee (1710) aus. Demnach kann Gott es nicht gewesen sein, das mit dem Pfusch damals.

Ist Gott eine Droge oder haben wir sie nur falsch verstanden?

Robert Anton Wilson

Der Soziologe Gerhard Schulze bezieht sich in seinem 2003 erschienen Buch Die beste aller Welten. Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert? auf Leibniz:„Diese Abhandlung wurde zu einer der wichtigsten philosophischen Schriften des achtzehnten Jahrhunderts – am Anfang als Monument, am Ende als Reibungsfläche. (…) Bis heute sind wir geistige Erben der Wende, die das Denken mit der Aufklärung genommen hat. Nichts prägt die Kultur des Westens so sehr, wie die Vorstellung, die beste aller Welten sei noch nicht verwirklicht. Leibniz glaubt, dass man die beste aller Welten immer schon vorfände. Wir denken, dass man sie immer nur suchen könne, ohne jemals dort anzukommen.“

Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, wird sich alles verändern müssen.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa in ‚Der Leopard‘

Ungefähr 13700 Millionen Jahre nach der oben skizzierten, gigantischen Schlamperei gibt es diese Welt zahlloser Untergangsprophezeihungen zum Trotz noch immer. Ob wir bereits in der besten aller Welten leben oder diese noch suchen oder erfinden müssen, ist immer noch nicht restlos geklärt. Das kann auch noch dauern. Denn als allmächtige und allwissende Götter sind inzwischen die Globalisierung und die Digitalisierung über uns gekommen, deren Segnungen die Arten und Weisen, wie wir uns Zukunftsvisionen und Utopien ausdenken, bestenfalls nur verändern. Wahrscheinlicher ist, dass Zukunftsvisionen und Utopien für uns ausgedacht werden. California dreaming.

Vielleicht glauben wir eines Tages einfach, in der besten aller Welten angekommen zu sein. Nicht etwa, dass das tatsächlich der Fall wäre. Aber vielleicht wird uns irgendwann die verpfuschte Symmetrie so vollkommen gut verkauft und vielleicht haben wir es uns in unseren ganz persönlichen, individualisierten Komfortzonen und Filterblasen so herrlich gemütlich eingerichtet und sind gegenüber dem Außen so abgestumpft und/oder überfordert, dass bereits die Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, schon als reaktionär gilt. Die Größe des Glases wird an die Menge des Inhalts angepasst. Problem gelöst.

Aber vielleicht sind derlei Unkenrufe nur die Lust am Horroszenario. Vielleicht entpuppen sich die holde Globalisierung und die schöne Digitalisierung tatsächlich als Heilsbringer und Weltvereiniger und wir nehmen die Leichen, die ihren Weg zwangsläufig pflastern, sehenden Auges in Kauf – wie das bei epochalen Umbrüchen nun mal so ist und schon immer war. Kopf hoch, baby. Alles wird gut.

Vielleicht.

Claus Worenski

Die beste aller Welten charakterisiert laut Gerhard Schulze „den zentralen Suchbegriff der Kultur des Westens, ein Minimum an Konsens, dem jedoch ständiger Zwist über die einzuschlagende Richtung entspringt“. In diesem Sinne ist dieser Suchbegriff der Arbeitstitel eines Theaterprojekts und der Meta-Titel des blogs.

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