Der Schein trügt? So what! (3)

 

Das gegenwärtige Geschehen rollt nicht mehr irgendeiner Zukunft, sondern den technischen Bilder entgegen.

Vilém Flusser, 1985

Die heiligen Schriften des 21. Jahrhunderts sind Algorithmen, codes und technische Bilder. Im Universum der technischen Bilder hat der Schein Hochkonjunktur und ist weiterhin in den Rollen des schönen Scheins, des Anscheins, des trügerischen Scheins und vor allem in der Rolle der Wahrscheinlicheit zu sehen. Anders als die semantische Bedeutung des Scheins (Teil 1) hat der Heiligenschein oder auch Nimbus, Strahlenkrone, Gloriole, Aureole als visuelles Attribut von Persönlichkeiten mit besonderer Strahlkraft die Abgründe wie auch die großen wissenschaftlichen Erkenntnisse und Errungenschaften der letzten 2000 Jahre unbeschadet überstanden.

Auch die ironische/polemische Verwendung, um einen Menschen als scheinheiligen Heuchler oder als Unschuldslamm zu kennzeichnen, schadet der Metapher des heiligen Scheins nicht. Der Schein trügt, aber der Heuchler ist der Böse, nicht der Heiligenschein. Die digitale Verniedlichung als Emoticon ist so überflüssig wie digitale Katzenfotos, hat aber dem Symbol bis jetzt ebenfalls nicht geschadet.

In christlichen Darstellungen taucht der Heiligenschein ab dem 2. Jahrhundert auf. Aber der Heiligenschein ist keine Erfindung des Christentums. Betrachtet man diesen Schein losgelöst von religiöser Ikonografie, kann man ihn neutraler als Ausdruck von schöpferischer Gabe und eines hoch entwickelten, inspirativen und intuitiven Bewusstseins verstehen. Seit der Antike kennzeichnet er Menschen auf Abbildungen als spirituell erleuchtet und leuchtend, als transzendent und stilisiert sie damit zu Göttinnen und Göttern – in vielen Kulturen und unterschiedlichen Religionen.

Minerva als Göttin der aufgeklärten Weisheit und Toleranz nimmt Vertreter verschiedener Religionen in ihren Schutz; Stich von Daniel Chodowiecki, 1791

Der Glaube an und das Streben nach etwas Höherem hat uns weit gebracht, auch wenn es ohne den wiederkehrenden Mißbrauch dieses Glaubens und Strebens nicht zu gehen scheint. Mit Marshall McLuhan gedacht, kann das Internet als eine logische bzw. zwangsläufige Ausdehnung (extension) und Weiterentwicklung des menschlichen Nervensystems gesehen werden. Dieses (nahezu) weltumspannende Internet ist dabei, unser allwissendes, allgegewärtiges, immaterielles und ungreifbares göttliches System zu werden, bestehend aus Milliarden einzelner user, die die Augen dieses göttlichen Systems sind und gleichzeitig permanent von ihm angeschaut werden. Das System ist göttlich, weil wir es sind.

Die systemimmanente Selbstvergottung jedes users durch Profile, bzw. durch Avatare wäre dann wieder mit Mashall McLuhan gedacht die konsequente Ausdehnung und Weiterentwicklung des Bewusstseins, milliardenfach – inklusive Schizophrenie und anderer Spielarten. In diesem göttlichen System wird nicht die beste aller Welten geschaffen, sondern die besten – milliardenfach.

Wenn uns in diesem göttlichen System der Schein mal wieder zu trügen scheint, ist es durchaus möglich, dass es sich nicht um Trug handelt, sondern um ein Aufblitzen aus einem alten Teil unseres Bewusstseins: aus den uns nicht mehr vertrauten Hinterwelten, aus der feinstofflichen, spirituellen Welten, aus dem Devachan. Unsere Seelen (sofern es die gibt), Träume, Alpträume, Urängste, Wunschträume und Mythen kommen bei der Geschwindigkeit und den Anforderungen dieser noch relativ neuen Art der Selbstvergottung manchmal nicht ganz hinterher. Die so entstehende Diskrepanz ist es wahrscheinlich, die den Fortschritt, das Fortschreiten manchmal so anstrengend macht.

Für alle, denen es egal ist, ob der Schein trügt, oder wahrhaftig oder authentisch ist; für alle, die irgendwie damit klar kommen, dass wir sowieso permanent von Scheinwelten umgeben waren und es nach wie vor sind, gibt es nun mit iDivine ein wundervolles, mobiles selbstvergottungs-gadget aus dem Hause Worenski. Mit Marshall McLuhan gedacht ist es das Medium zur Verlängerung des spirituellen Bewusstseins in die sichtbare Welt. Wenn das Medium die Botschaft ist (McLuhan), was ist dann die Botschaft? Auch Gott ist eine Metapher. Die Frage ist, ob solche Metaphern erfunden oder entdeckt werden.

Auf dem Flug ins Universum der technischen Bilder sollten wir uns übrigens ernsthafte Sorgen über Ketchup Flecken auf dem Raumanzug machen, während wir die Schwerelosigkeit genießen.


Mehr Inspirationen zum mobilen Heiligenschein iDivine und zur Ausstellung im Sankt Oberholz, Berlin Mitte, August – September 2017


Titelfoto oben: Sandro Bottticelli (Schule), Florenz um 1445 – 1510 Florenz: Maria mit dem Kind und Engeln. Tempera auf Holz. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Zwinger.


 

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