Der Schein trügt? So what! (2)

In der Spätgothik, bzw. Frührenaissance dieses ausgehenden 15. Jahrhunderts in dem der schöne Schein seine Unschuld verlor (Teil 1), malte Hieronymus Bosch (1450 – 1516) Bilder, die anscheinend wenig mit Wahrhaftigkeit und Authentizität zu tun haben. In einer Zeit, in der die Kunst nach Harmonie und naturgetreuer Abbildung strebte, hat Bosch Traum- und Alptraumbilder gemalt, die Vertierung der Menschen, er hat mystisch und verschlüsselt gemalt, grotesk, satirisch – kein erhabenes Abbild des Menschen, sondern seine Abgründe. Das Unwirkliche macht die Bilder von Bosch zu Spiegeln der wahrhaftigen und authentischen menschlichen Seele – sofern es so etwas wie Seele gibt.

Wovon träumte Bosch? (…) von der Versuchung, der die heiligen Männer wenig Widerstand entgegenzusetzen vermögen.

Max Jakob Friedländer, 1941

Warum träumen Kinder, die noch nie einen Horrorfilm oder ähnliches gesehen haben, von Monstern? Woher kommen diese Bilder? In Boschs visionären Bildern ist das Scheinhafte wahrhaftig, wie in einem Traum. Da gibt es kein Jenseits, das losgelöst ist vom hier und jetzt, die Grenzen zwischen Realität und Traum, zwischen Gut und Böse, zwischen Wahn und Vernunft sind fließend. Die sichtbare(n) Welt(en) und die Hinterwelt(en) sind untrennbar miteinander verbunden. Naja. Wir sind wohl nicht umsonst aus dem Paradies geflogen, als wir gerade dabei waren, die totale Erkenntnis zu erlangen. Aber vermutlich wäre die totale Erkenntnis dauerhaft ebenso schwer zu ertragen, wie das allmähliche Verschwinden dessen, was wir Realität nennen. Es geschieht zu unserem eigenen Schutz, sagte der Freak mit dem Flammenschwert an der Paradiestüre.

Nicht die Menschen denken sich in den Mythen, sondern die Mythen denken sich in den Menschen.

Claude Lévi-Strauss

Kein Wunder jedenfalls, dass bei der gerade vor sich gehenden Virtualisierung unserer Lebenswelten Echtheitsbeschwörungen und Wirklichkeitsprothesen gefeiert werden; und kein Wunder, dass die Bilder von Hieronymus Bosch gerade wieder in Ausstellungen und Sonderschauen gefeiert werden – als Wimmelbilder unserer Abgründe – herrlich fantastisch, aber irgendwie wiedererkennbar. So, wie Kinder es lieben, mythisch-archetypische Märchen zum einschlafen zu hören, können wir uns nicht an Boschs Alpträumen satt sehen um uns einzureden, dass wir wach sind.

Alles was ist, ist Metapher.

Norman O. Brown

Wir spielen alle Theater in einer Inszenierungsgesellschaft mit Interaktionsritualen und Techniken der Imagepflege. Dabei wird es schwierig, wahrhaftig und authentisch zu bleiben. Das sollten wir uns einfach eingestehen, während so viele Mitglieder virtueller Erlebnisgesellschaften im Internet es als Prosumenten total demokratisch, frei, individuell und sexy finden, nicht nur Konsumenten des schönen Scheins, sondern auch Produzenten der eigenen Wahrheiten und der eigenen Filterblasen zu sein. Nicht einmal mehr der Kapitalismus ist authentisch.

All das sind aber nicht etwa postmoderne oder post-postmoderne Errungenschaften. Das ist alles nichts Neues. Bezüglich Interaktionsritualen, Techniken der Imagepflege, Filterblasen, gefühlten Wahrheiten und postfaktischer Propaganda haben die Autoren und Übersetzer der Tora, der Bibel, des Korans und heiliger Schriften anderer Religionen schon lange vor den Segnungen der Digitalisierung allerhöchste Maßstäbe gesetzt.

Das Ende vom Lied wird sein, dass die Wahrhaftigkeiten und Authentizitäten als leergeschossene Worthülsen auf dem Kunstrasen liegen. Diese Attribute taugen noch als Arschgeweihe für lifestyle-Zombies aber nicht mehr als Sehnsuchtsorte für Selbstversicherungen oder Versteh- und Anfassbares. Wir befinden uns diesbezüglich längst auf dem Flug ins Universum der technischen Bilder.


Im 3. Teil: Das System ist göttlich, weil wir es sind und: iDivine ist der neue heiße Scheiß.


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.