Der Schein trügt? So what! (1)

Es war einmal, da hatte der Begriff Schein und scheinen nur die positive Bedeutung von leuchten und glänzen, von erscheinen. Erst im 15. Jahrhundert schlich sich die negative Konnotation des Begriffs mit trügerisch und Vorwand ein. Wie konnte es dazu kommen? Ein paar Fäden aus dem Gewebe:

Der Theologe, Klerus-Kritiker und Reformator Jan Hus war berühmt und beliebt beim Volk. Als er 1411 exkommuniziert wurde und seiner Heimatstadt Prag verwiesen wurde, kam es zu Unruhen und Demonstrationen. Hus wetterte weiter gegen den lasterhaften Klerus und machte sich dadurch nur noch beliebter. Im Jahr 1414 wurde er vor das Konstanzer Konzil geladen,  wo er seine Aussagen widerrufen sollte. Das von König Sigismund zugesagte freie Geleit wurde jedoch nicht eingehalten. Hus wurde 1415 öffentlich als Ketzer verbrannt, worauf es zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Hus’ Anhängern und dem böhmischen König kam.

Der königliche Verrat an Hus war nicht der einzige Sündenfall, aber vielleicht einer der Ersten, der die Bedeutung des Scheins in der Wahrnehmung der Menschen veränderte. Der seit dem 14. Jahrhundert aus Italien ausstrahlende Humanismus, die Renaissance, die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und die Erscheinung der ersten Exemplare der Gutenberg-Bibel (Mainz, 1452-1454) vermochten im Verlauf dieses 15. Jahrhunderts offenbar nicht mehr, dem Schein seinen ungetrübten Glanz zu lassen.

Einer der Scheinheiligen war der Dominikaner Heinrich Kramer, der die von Johannes Gensfleisch (genannt Gutenberg) gerade eben losgetretene Medienrevolution ganz smart nutzte, um seinen Hexenhammer (Malleus maleficarum, Speyer, 1486) unter Klerus und Volk zu bringen. Diese Anleitung zur Hexenverfolgung wurde in 29 Auflagen gedruckt, ihre tausendfache Anwendung im Feuerschein der brennenden Scheiterhaufen von einem sensationsgeilen und abergläubischen, vor allem aber ungebildeten Volk bejubelt. Don’t be evil.

Es waren nicht nur die selbsternannten Vertreter Gottes auf Erden, die den schönen Schein zu einem auch trügerischen machten. Die spanische Inquisition – und die war nun wirklich nicht zimperlich – distanzierte sich von den Grundsätzen dieser Mein Kampf-Version eines frustrierten Dominikanermönchs.

Während der ersten Blütezeit des Buchdrucks kam in diesem 15. Jahrhundert auch das Geschäft mit Geld, Krediten und Wechseln in Fahrt. Ab Ende des 14. Jahrhunderts entstanden die berühmten Geld-Dynastien: Die Medicis, die Fugger, später im 19. Jahrhundert dann die Rothschilds. Sie haben Systeme von Großbanken aufgebaut, die bis heute das Grundmodell des globalisierten Finanzmarktes bilden: Dominius mundi – nicht nur der  Warenhandel wird finanziert, sondern auch Kriege (selbstverständlich auch beide gegnerischen Seiten), Königinnen, Könige und Päpste. Auch Aliens, falls sie doch schon mal da waren.

Der Beitrag der korrupten Renaissancepäpste zum Aufstieg des Finanzmarktes zur Weltmacht und zur negativen Bedeutungserweiterung des ursprünglichen scheinen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ihren obszön-prunkvollen Lebensstil finanzierten sie auch mit dem europaweit florierenden Handel mit Ablassbriefen und füllten damit nebenbei noch ihre Kriegskassen.  Bezeichnenderweise kann ein Ablassbrief auch als Schein im Sinne eines Dokuments betrachtet werden. Der Ablasshandel, wie auch der Handel mit Wechseln, Anleihen, Schuldverschreibungen und Aktien war und ist der Handel mit dem (Geld)Schein, ein Scheinhandel.

Ungefähr 100 Jahre nachdem Jan Hus für seine Kritik an Klerus und Kirche in Konstanz verbrannt wurde, nagelte im Jahr 1517 Martin Luther seine 95 Thesen angeblich an die Türe der Schlosskirche zu Wittenberg, womit er auch den Ablasshandel und die Korruption der römisch-katholischen Kirche anprangerte. Inzwischen wusste vermutlich nicht nur der gebildete Luther, dass der Schein trügen kann und nicht alles Gold ist, was glänzt. Vielleicht hat Luther seine Kritik an Klerus und Kirche auch deshalb überlebt, weil es um deren Glanz und Glorie auch im Volksmund schon nicht mehr zum Besten stand. Vielleicht war Jan Hus seiner Zeit voraus und Martin Luther kam gerade recht.

Historische Erfahrung lehrt, dass der Wirklichkeitsbegriff einer Lebenswelt immer dann problematisch wird, wenn sich der Bedeutungsgehalt seines symmetrischen Gegenbegriffs wandelt – also der des Scheins.

Norbert Bolz

2017. Die global erstrahlende Finanzindustrie hat ihre Behauptung von Herrschaftswissen und das ganze Selbstinszenierungs-Gedönse perfektioniert. Offensichtlich haben die Anbieter von innovativen Finanzprodukten viel von der römisch-katholischen Kirche gelernt – und sie weitestgehend ersetzt. So etwas nennt man feindliche Übernahme oder to big to fail. Wir sind aufgeklärt, die Welt ist entzaubert und Gott ist tot. Wirklich scheinen tut die Sonne ab und an. Wo viel Licht ist, ist viel Schatten und um wahrhaften, ungetrübten Glanz zu sehen, nimmt man am besten ein paar Tässchen MDMA-Bowle zu sich oder tritt die Flucht nach innen an und versenkt sich selbst in Meditation.

Außenherum funktionieren tut das Ganze anscheinend immer noch und immer wieder. Man kann sich ja nicht um alles kümmern. Will man auch nicht. Da ist es gut zu wissen, dass irgend jemand in diesem Post-Postmodernimus, bzw. Metamodernismus (oder worin auch immer wir uns gerade befinden) sich sicherlich eine gute Erklärung für das Ganze ausgedacht hat, die wir bei Gelegenheit unbedingt mal lesen werden.  Deshalb scheint es auch völlig ausreichend für eine Sache zu sein, nicht in der Form zu existieren, in der sie zu existieren scheint, sondern in ihrem Wesen oder ihrer Wirkung einer in dieser Form existierenden Sache zu gleichen. Diesen Anschein nennt man Virtualität und anscheinend kommen wir damit klar.

Nein. Tun wir überhaupt nicht. In Zeiten, in denen ein Stromausfall bei leerem Smartphone-Akku anscheinend den Weltuntergang bedeuten kann, ist Wahrhaftigkeit und Authentizität das, was einst …


Im 2. Teil: Kein Schein ist auch keine Lösung  auf dem Flug ins Universum der technischen Bilder.


Harald Geil, Fotograf, Schauspieler © Claus Worenski

Titelfoto oben: Tetyana Shuryhina © Claus Worenski


 

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